ZX Spectrum Next: Die Auslieferung hat begonnen

Es gibt einen weiteren sehr stark modernisierten Nachfolger eines der erfolgreichsten Rechner der 1980er, den ZX Spectrum Next. Die Auslieferung sollte ursprünglich Januar 2018 beginnen, daraus wurde jetzt das erste Quartal 2020.

1982 brachte Sir Clive Sinclair den ZX Spectrum auf den Markt. Der Nachfolger des ZX81 brachte einige Verbesserungen mit: 16 kB oder 48 kB RAM, 16 Farben (8 Farben in zwei Stufen), Sound, eine Z80 CPU mit 3,5 MHz, die nicht mehr durch Speicherzugriffe auf den Bildschirmspeicher gebremst wurde. Gut 10 Jahre war der ZX Spectrum auf dem Markt vertreten und sogar heute gibt es immer noch Gruppen, die Software für diesen nun fast 40 Jahre alten Rechner entwickeln.

Nach einigen Versuchen einen würdigen Nachfolger auf den Markt zu bringen – man denke nur an die katastrophalen Versuche mit dem Vega und Vega+ zurück, bei denen zumindest der Vega ausgeliefert wurde, für den Vega+ aber letztendlich über 3300 Backer um knapp 600.000 EUR betrogen wurden – ist es unter der Leitung von Henrique Olifiers  jetzt endlich gelungen einen solchen Nachfolger zu entwickeln, den ZX Spectrum Next.

Das Gehäuse des ZX Spectrum Next wurde von Rick Dickinson entworfen, der schon für das Gehäuse des Originals verantwortlich war. Die Hardware ist kompatibel zum ZX Spectrum (und einigen weiteren Rechnern), wurde aber vollständig modernisiert: Der Rechner unterstützt SD-Karten und verfügt über VGA, RGB und HDMI Ausgänge für Monitore bzw. Fernseher. Ausgeliefert wird der ZX Spectrum Next mit 1 MByte Kilobyte Arbeitsspeicher, der noch intern auf 2 Megabyte aufgerüstet werden kann. Optional verfügt der ZX Spectrum Next auch über WLAN und eine RTC (Echtzeituhr). Ein Raspberry-Pi Zero kann als Beschleunigungsmodul eingebaut werden. Schnittstellen für Joysticks, Kassettenlaufwerke und PS/2-Peripheriegeräte sind ebenfalls vorhanden.

Damit verfügt der ZX Spectrum Next über eine äußerst potente Hardware. Hier die technischen Daten kurz zusammengefasst:

  • Prozessor: Z80 mit 3,5 MHz, 7 MHz, 14 Mhz und 28 MHz (simuliert mit einem FPGA Altera SLX16)
  • Speicher: 1024Kb RAM (erweiterbar auf 2048 Kb)
  • Video: Hardware Sprites, 256 Farben, Timex 8×1 Modus etc.
  • Video Ausgabe: RGB, VGA, HDMI
  • Speicher: SD Karten, DivMMC-kompatibel
  • Audio: Turbo Sound Next (3x AY-3-8912 Audio Chips mit Stereo Ausgabe)
  • Joystick: 2x DB9 (Cursor, Kempston und Interface 2)
  • PS/2: Maus mit Kempston Mode und externes Keyboard
  • Spezial: Multiface-Funktionalität
  • Kassettenrekorder: 2x 3,5mm Klinkenstecker
  • Expansionsport: Original External Bus Expansion Port
  • Beschleuniger Board (optional): GPU / 1 Ghz CPU / 512 Mb RAM (Raspberry Pi Zero)
  • Netzwerk (optional): WiFi Module (ESP8266)
  • Extras: Real Time Clock (Optional), interner Lautsprecher (optional)

In der Standarddistribution werden folgende ROMs mitgeliefert:

  • ZX Spectrum Next
  • ZX Spectrum 48K
  • ZX Spectrum 128K
  • ZX Spectrum +2
  • ZX Spectrum +3
  • ZX80 Emulator
  • ZX81 Emulator
  • 48K Gosh Wonderful ROM
  • 48K Looking Glass ROM
  • Timex Sinclair TX2048
  • Investtronica Spectrum 128K
  • Soviet Timings (128K)

Die Emulationen sollen vom Timing her alle exakt sein. Erste Tests zeigen, dass auch kritische Demos, bei denen z.B. ein Harlequin 48K/128K Darstellungsprobleme hat, auf dem Spectrum Next fehlerfrei dargestellt werden.

Interessant ist die Einbindung des Raspberry Pi Zero als Beschleunigermodul. Mit diesem ist es möglich TZX-Dateien zu laden. Diese werden über einen TZX-Player auf dem Raspberry Pi abgespielt und über die normalen Laderoutinen des ZX Spectrum ROMs dann eingelesen (dabei sind lange Wartezeiten und ein kultiges Ladegeräusch garantiert. Mit dem ESP8266 Modul wird der Next zudem per Wifi netzwerkfähig, aber dazu später mehr.

Ein weiteres nettes Feature ist, dass die Geschwindigkeit von 3,5 MHz bis auf 28 MHz gesteigert werden kann. Für Spiele wie Jetpac macht das natürlich keinen Sinn, die sind schon bei 7 MHz quasi unspielbar, es gibt aber viele Simulationen, die von der schnelleren CPU profitieren.

Auf der linken Seite des Next sind drei Taster vorhanden: Ein Reset-, ein NMI- und ein Drive-Taster. Alle Taster sind mehrfach belegt. So kann mit dem Reset-Taster ein Soft- bzw. Hard-Reset ausgelöst werden. Beim Hard-Reset wird das System neu gebootet, so dass der Benutzer z.B. eine neue Emulation auswählen kann. „Drive“ simuliert den Druck auf die Drive-Taste (divMMC NMI mit esxDOS), zusammen mit „Caps Shift“ werden die Laufwerke neu eingelesen und lädt esxDOS neu.

NMI öffnet ein spezielles Menü, aus dem heraus z.B. Snapshots und Screenshots angefertigt werden können. Ganz nützlich ist auch der Status Bildschirm und die Möglichkeit einen Monitor aufzurufen, um den Speicher direkt zu manipulieren. Auch POKEs können ausgeführt werden und so das eine oder andere Spiel „spielbarer“ gemacht werden. NMI und Drive zusammen ermöglichen es einen speziellen „Anti-Brick“ Modus aufzurufen, für den Fall, dass ein Firmware-Update einmal fehlerhaft verlaufen sollte.

Wenn der ZX Spectrum Next mit einer RTC ausgestattet ist, kann die Echtzeituhr gestellt werden. Verwendet wird diese z.B. im Dateibrowser. Werden neue Dateien auf der SD-Karte angelegt, erhalten diese das aktuelle Datum/Uhrzeit. Ist zudem einmal eine gültige Uhrzeit gestellt worden, wird diese auch im Next Menü angezeigt. Stellen kann man die Uhr über die Kommandozeile:

.DATE "23/04/2020"
.DATE
.TIME "18:45:00"
.TIME

Wer möchte, kann auch einen NTP-Server kontaktieren. Durch ein ESP8266 Modul ist der Next Wifi-fähig. Die Bedienung ist aber nicht ganz so intuitiv: Entweder man verwendet das „.UART“ Kommando oder ein einfaches Terminal-(Basic-)Programm, welches sich auf der SD-Karte befindet. Im Terminal verbinden die folgende Befehle den Next mit dem Wifi und stellen die RTC nach einem NTP-Server:

AT+CWMODE=1
AT+CWLAP
AT+CWJAP="wifinetwork","password"
.NXTP ntp1.ptb.de

Das Beispielprogramm „wifi.bas“ aus der Distribution sollte das vereinfachen, half aber beim Test nicht viel weiter. Es lieferte nur ein „Integer out of range“ Fehler.

Ansonsten ist die Inbetriebnahme recht einfach. Fernseher oder Monitor per HDMI angeschlossen und den Next mit dem beiliegenden 9V Netzteil mit Strom versorgen. Auch wenn der originale ZX-Spectrum keinen Ein-/Aus-Schalter besaß, bei dem Next würde ich mir einen solchen wünschen. Nach einer kurzem Bootphase erscheint ein Menü, drückt man hier rechtzeitig die Leertaste, ist es möglich ein paar Hardwareeinstellungen zu konfigurieren (beim PC würde man vom BIOS sprechen) und ein ROM auszuwählen (Standard ist das NextZXOS ROM). Danach erscheint das vom ZX Spectrum +3 bekannte Menü, welches für den Next erweitert wurde.

Während der Tests hängte sich der Next ein paar Mal auf und selbst ein Hard-Reset und das Abziehen des Hohlsteckers für die Stromversorgung konnte diesen nicht zu einem Neustart bewegen. Die Bildschirmausgabe deutete zunächst auf einen Speicherfehler hin, aber nach einem kurzen E-Mail Austausch mit Henrique war klar, dass das Problem am HDMI-Anschluss liegt.

Der Next wird über HDMI noch mit Spannung versorgt, so dass dieser nicht neu starten kann. Möchte man in einem solchen Fall einen Neustart auslösen muss sowohl die Spannungsversorgung als auch der HDMI-Stecker gezogen werden. Ein sehr ärgerlicher Designfehler, der hoffentlich in einer Neuauflage beseitigt wird. Dabei wurde laut Henrique das Design für diesen Fall schon von der Board-Version 2A zur 2B angepasst, aber der Fehler scheint nicht in jedem Fall beseitigt zu sein.

Wer wissen will, was der Next so alles kann (u.a. wurde das Next Basic kräftig überarbeitet), kann sich das Handbuch als PDF-Datei herunterladen.

Finanziert wurde die Entwicklung über Kickstarter. Ganz billig war der Spaß nicht: Mindestens 175 GBP (ca. 210 EUR zzgl. Porto) musste man investieren. Mit WLAN, RPi Zero und Versandkosten waren das Schlappe 300 EUR. Es soll aber eine zweite Auflage geben, da die Nachfrage nach dem Rechner sehr hoch war.

Link zur Kampagne auf Kickstarter.
Link zur Website des ZX Spectrum Next.
Aktuelle Firmware des ZX Spectrum Next.

Bilder: ZX Spectrum Next, Henrique Olifiers, Kickstarter; eigene Bilder

2 Antworten auf “ZX Spectrum Next: Die Auslieferung hat begonnen”

  1. a. kappmeier

    Ich bin beeindruckt das dies umgesetzt wurde, sprich wirklich erschienen ist. Technisch ist ja mittlerweile so einiges möglich, es dann auch in die Tat umzusetzen – Respekt. Für einen Spectrum Jünger ist das bestimmt der Himmel auf Erden ;-)

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    • Stephan Author des Beitrags

      Ich bin auch richtig begeistert. Es soll mittelfristig noch eine zweite Auflage geben, die ein paar Fehler korrigieren soll. Die Umsetzung ist aber jetzt schon mehr als ich erwartet hatte.

      Antwort

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