IBMMit dem Eintritt von Thomas J. Watson bei C-T-R im Jahre 1914 begann die Umwandlung dieser Firma in ein straff organisiertes und Ă€ußerst erfolgreiches Unternehmen.

Von Hollerith zu IBM – Die frĂŒhe IBM

Thomas J. Watson und John Patterson

CTR (1910)Jener fast schon legendĂ€re Thomas Watson hatte, aus Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen kommend, bei der noch heute existierenden Traditionsfirma ‚National Cash Register‘ (NCR) Karriere gemacht, wo er 1895 als einfacher VerkĂ€ufer begonnen und sich 18 Jahre spĂ€ter zum zweitmĂ€chtigsten Mann der Firma emporgearbeitet hatte. Dabei sammelte er Erfahrungen in der harten Schule des Firmeninhabers John Patterson, der mit seiner Philosophie eines verkaufsorientierten Unternehmens radikale Neuerungen eingefĂŒhrt hatte. Nahezu alles, was spĂ€ter zum legendĂ€ren Ruf Watsons und von IBM beitrug, kann auf Methoden Pattersons zurĂŒckgefĂŒhrt werden.

Statt auf technischen Fortschritt zu setzen, stellte Patterson den VerkĂ€ufer in den Mittelpunkt des Unternehmens. Er legte Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild seiner VerkĂ€ufer und Vertreter; sie erhielten ein ĂŒberdurchschnittliches Gehalt, das sich durch PrĂ€mien weiter erhöhen konnte. Jeder VerkĂ€ufer hatte eine strenge firmeninterne Schulung zu durchlaufen, in der Patterson ihnen persönlich seine Überzeugungen in Form von Schautafeln und Slogans vermittelte. In besonderer Weise war er auf die Zahl FĂŒnf fixiert: Es gab fĂŒnf Finger, fĂŒnf Sinne, fĂŒnf Geldarten (Gold, Silber, Kupfer, Nickel, Papier), und so fasste er jeweils fĂŒnf Schlagworte zu einem Slogan zusammen, beispielsweise die fĂŒnf ‚Hohen C‘: »Conception – Consequence – Cooperation – Courage – Confidence« (Vorstellung – Konsequenz – Kooperation – Mut – Vertrauen).

ThinkAls Watson bei NCR zu mĂ€chtig wurde und sich mit dem Firmeninhaber zerstritt, entließ ihn Patterson kurzerhand, worauf ihm Watson, seiner offiziellen Biographie zufolge, Rache schwor. Im Alter von bereits 40 Jahren begann er 1914 bei C-T-R eine neue Karriere, um dort Pattersons Prinzipien von einer verkaufsorientierten UnternehmensfĂŒhrung radikal umzusetzen. Watson ĂŒbernahm auch Pattersons Vorliebe fĂŒr Slogans und markigen SprĂŒche; sein Motto »THINK« wurde weltweit bekannt (die Arbeiter einer benachbarten Schuhfabrik zogen des öfteren am GebĂ€ude von C-T-R vorbei und sangen ein Spottlied: »While you’re thinking, we’re drinking…« [16]).

IBM (1924)Schon wenige Jahre spĂ€ter ĂŒbernahm er die FĂŒhrung des Unternehmens und trat so die geistige Nachfolge Herman Holleriths an. Watson stellte neues Verkaufspersonal ein und senkte die Preise, um mehr AuftrĂ€ge zu bekommen. Bald vermietete C-T-R 2500 Maschinen an 650 Firmen; so konnten pro Monat mehr als 100 Millionen Lochkarten verkauft werden. Watson leitete die Firma mit einem fast schon religiösen Eifer, es gab sogar ein firmeneigenes Gesangbuch (»… Mr. Watson ist ein Mann / den man wirklich preisen kann. / Er fĂŒhrt das C-T-R / und ist ein Mann von Treu und Ehr. / Hört Ihr Leut und gebt fein acht / er zeigt uns, wie man Kohle macht.« [16]).

1924 wurde C-T-R in ‚International Business Machines‘ (IBM) umbenannt. Watson blieb PrĂ€sident bis ins Jahr 1952, sein Sohn Thomas Watson Jr. wurde sein Nachfolger. Thomas J. Watson Sr. starb 1956 im Alter von 82 Jahren.

IBMs BĂŒromaschinen

BĂŒromaschinenBei C-T-R zehrte man noch lange von Holleriths Entwicklungen. Seine Praxis, GerĂ€te zu vermieten anstatt sie zu verkaufen, wurde beibehalten. Statt auf Innovation setzte man auf die Verbesserung vorhandener Produkte. Treibende Kraft waren dabei die WĂŒnsche der Kunden, die die Hollerith-Maschinen benutzten. Es wurden zum Beispiel Buchungsmaschinen benötigt, die ein Saldo (Differenz zwischen Soll und Haben) berechnen konnten; also integrierte man die Subtraktion. Außerdem wurden die Maschinen mit Druckwerken ausgestattet, die nicht nur das Rechenergebnis, sondern bald auch alphanumerische Zeichen zu Papier bringen konnten. Die RechenfĂ€higkeiten wurden weiter ausgebaut; in den dreißiger Jahren beherrschten die Buchungsmaschinen alle Grundrechenarten.

Rechenstanzer

Einen weiteren Schritt in Richtung Universalrechner stellten die sogenannten Rechenstanzer (calculating punches, calculators) der dreißiger Jahre dar. Sie waren in der Lage, eine Lochkarte auszuwerten, eine Berechnung auszufĂŒhren und das Ergebnis dann auf dieser Lochkarte einzustanzen. Dies unterschied sie von den Tabellier- und Buchungsmaschinen, die ein Rechenergebnis nur intern in einem sogenannten Akkumulator speichern und nach einem kompletten Arbeitsgang anzeigen oder ausdrucken konnten.

Zur Steuerung einer solchen, schon recht komplexen Maschine wurden auswechselbare Schalttafeln (plugboards) verwendet, die denen einer Telefonvermittlung Ă€hnlich waren und auf eine Idee Holleriths zurĂŒckgingen. Mit Hilfe von Steckkabeln konnte darauf die Interpretation der Lochkarte sowie die auszufĂŒhrenden Operationen, also die gesamte Kontrollogik des Rechenstanzers, implementiert werden. Die korrekte Verkabelung einer Schalttafel dauerte Wochen und Monate; die Tafel stellte dann jedoch das ‚Programm‘ eines bestimmten Arbeitsgangs, beispielsweise der Lohnabrechnung, dar. Zwar erreichte man dadurch eine gewisse Programmierbarkeit und konnte eine Maschine fĂŒr verschiedene ArbeitsgĂ€nge verwenden; Schalttafeln konnten jedoch nur kurze, immer gleiche Zyklen steuern. Aufgrund des starren Synchronismus zwischen Kontrolle und Kartenmechanik waren nur VorwĂ€rtssprĂŒnge im Kontrollablauf möglich.

Bekanntester Vertreter der Rechenstanzer war das IBM Modell 604, das in den vierziger Jahren auf den Markt kam. Es verwendete bereits Röhrentechnik und konnte so wesentlich schneller rechnen als die elektromechanischen Modelle. Außerdem bot es Speicher fĂŒr 32 Ziffern; ĂŒber die Schalttafel konnten 20 (spĂ€ter 60) Arbeitsschritte programmiert werden. Dadurch eröffnete sich ein weites Verwendungsfeld, und die 604 wurde zum »Arbeitspferd« vieler Betriebe; noch 1975 waren von den 5600 verkauften Maschinen 400 StĂŒck im Einsatz.

Die Lochkarte

Die Lochkarte war lange Zeit das prĂ€gende Symbol fĂŒr die Datenverarbeitung und wurde in dem 1928 eingefĂŒhrten 80-stelligen Standardformat von der GrĂ¶ĂŸe einer 1-Dollar-Note bis in die achtziger Jahre hinein verwendet, hatte dann jedoch gegen magnetische und optische Speichermedien keine Chance mehr.

Sie bot im Vergleich zu heutigen Massenspeichern allerdings auch gewisse Vorteile (zitiert nach einer IBM-Publikation von ca. 1975): Sie war zunĂ€chst einmal billig, was sich allerdings im Vergleich zur KapazitĂ€t relativiert, und, im Gegensatz zu einer Diskette, mechanisch mischbar, außerdem sowohl maschinell als auch visuell lesbar. Vor allem aber bot sie ein Signal-StörverhĂ€ltnis mit dem ĂŒberragenden Wert von mehr als 106, denn die eingestanzten Löcher waren natĂŒrlich deutlich zu erkennen.

KaufmÀnnische Anwendung

Modell 702Auch nach dem Aufkommen der ersten Computer in den fĂŒnfziger Jahren ging die Entwicklung der Buchungsmaschinen und Rechenstanzer weiter und verlief bis in die sechziger Jahre parallel dazu. Im Gegensatz zu den Computern waren die Hollerith-Maschinen etabliert und ausgereift, boten verlĂ€ssliche Technik und waren erschwinglich. Ihre StĂ€rken lagen in der Verarbeitung vieler gleichartiger Daten mit wenigen Operationen, wie sie zum Beispiel bei Kontenbewegungen, Lohnabrechnungen und bei der Lagerverwaltung anfielen. Die ersten Computer wurden daher lange Zeit fast ausschließlich fĂŒr wissenschaftliche Anwendungen verwendet.

In den fĂŒnfziger Jahren wurden spezielle Computer fĂŒr kaufmĂ€nnische Anwendungen entwickelt, zum Beispiel das IBM Modell 702: Er arbeitete zeichen- statt wortorientiert und bot eigens Maschinenbefehle, um beispielsweise fĂŒhrende Nullen vor Zahlen zu streichen oder Dezimalpunkte einzufĂŒgen. Dies zeigt deutlich, dass man zu dieser Zeit den Computer noch nicht allgemein als universellen Symbolverarbeiter, sondern als spezielle Maschine zur Lösung spezieller Probleme ansah.

Der CPC (1949)

CPC 1949Am Übergang vom Rechenstanzer zum Computer steht der CPC, der »Card-Programmed Electric Calculator«. Hierbei handelte es sich um die Kopplung eines Rechenstanzers vom Typ 604, der als Rechenwerk fungierte, mit einer Buchungsmaschine, die Register zur VerfĂŒgung stellte und Daten ausdrucken konnte. ZusĂ€tzlich war eine elektromechanische Speichereinheit (fĂŒr 16×10 Ziffern) angeschlossen (außerdem befand sich ein kleines WĂ€gelchen im Lieferumfang, um die Lochkartenstapel zu transportieren [9]).

CPCProgrammierbar war der CPC ĂŒber die Lochkarten, in die Befehlscodes eingestanzt werden konnten, welche dann ĂŒber die Schalttafel interpretiert wurden. Der CPC arbeitete mit einem Drei-Adress-Format: Zwei Zahlen, die aus dem Speicher, einem der Register oder der Karte selbst stammen konnten, wurden miteinander verknĂŒpft und das Ergebnis an einer dritten Stelle abgelegt. Durch die Auslagerung der Steuerung von der Schalttafel auf die Lochkarte konnten umfangreichere Programme verwendet werden.

Der CPC war ein sehr erfolgreiches Produkt, bis 1956 waren etwa 700 StĂŒck installiert. Er bot universelle Rechenleistung lange bevor echte Computer verfĂŒgbar waren. Im Gegensatz zu anderen IBM-GerĂ€ten wurde er nicht im kaufmĂ€nnischen Bereich, sondern in Wissenschaft und Forschung eingesetzt (hier vor allem in militĂ€rischen Bereichen wie Flugzeugbau, Raketen- und Kernforschung [13]).

IBMs Kontakt mit der Wissenschaft

ASCCDie Ausweitung der Produktpalette IBMs von reinen BĂŒromaschinen (die ja auch im Firmennamen verankert sind) auf RechengerĂ€te und Computer fĂŒr den technisch-wissenschaftlichen Bereich begann in den dreißiger Jahren. Die BrĂŒcke schlugen hierbei die Astronomen. Sie waren seit Leibniz‘ Zeiten an der Anwendung von Rechenmaschinen interessiert, um damit astronomische Tabellen zu berechnen. Auch im Werk von Charles Babbage finden sich astronomische Berechnungen als Motiv fĂŒr seine Rechenautomaten. [5]

Pionier fĂŒr die wissenschaftliche Anwendung von Tabelliermaschinen war der Astronom Leslie Comrie am Royal Naval College in England, wo er ab 1928 mit Hilfe von Hollerith-Maschinen Mondpositionen berechnete. Auf Bestreben des Astronomen Wallace J. Eckert (nicht zu verwechseln mit J.P. Eckert, dem Mitentwickler des ENIAC) stiftete Watson 1933 der UniversitĂ€t von Columbia das »Thomas Watson Astronomical Computing Bureau«, IBMs erster Kontakt mit wissenschaftlichen Anwendungen. Von dort gingen wichtige Impulse zur Entwicklung von Rechenmaschinen fĂŒr wissenschaftliche Zwecke aus, so der Kontakt zu Howard Aiken, dem Entwickler des ASCC (MARK I).

Der SSEC (1948)

SSECZusammen mit dem CPC steht eine weitere Maschine an der Schwelle zum ersten echten Computer von IBM: der »Selective Sequence Electronic Calculator« (SSEC). Er wurde 1948 fertiggestellt und sollte dem Großrechner ENIAC, der bereits seit zwei Jahren existierte, das FĂŒrchten lehren.

Seine entscheidende Neuerung war die Von-Neumann-Architektur: Der SSEC hatte (im Gegensatz zum schalttafelgesteuerten ENIAC) ein extern gespeichertes Programm (»sequence«), dessen Befehle er wie Daten behandeln konnte. Es gab bedingte Verzweigungen (daher »selective sequence«), die auch RĂŒckwĂ€rtssprĂŒnge erlaubten. Allerdings arbeitete der SSEC noch nicht binĂ€r, sondern dezimal. Als EinzelstĂŒck von IBM prestigetrĂ€chtig im Schaufenster des Hauptfirmensitzes mitten in New York aufgebaut, prĂ€gte er mit seinen wuchtigen RöhrenschrĂ€nken und zahllosen blinkenden Kontrollleuchten das klassische Bild des »Riesenhirns«.

SECCDa die Röhrentechnik fĂŒr Computer noch in den Kinderschuhen steckte, wurden im SSEC neben 12.500 Röhren auch mehr als 20.000 Relais verwendet. Der Speicher war hierarchisch organisiert und ungewöhnlich groß: 8 Worte schneller Röhrenspeicher, 150 Worte Relaisspeicher und 20.000 Worte Lochstreifenspeicher auf 66 Lochstreifenlesern standen zur VerfĂŒgung. Bei einer WortlĂ€nge von 19 Dezimalziffern + Vorzeichen (8 Byte) ergibt sich somit eine binĂ€re SpeicherkapazitĂ€t von ca. 158 KByte. Aufgrund seiner Architektur, seines riesigen Speichers und seiner hohen Rechengeschwindigkeit (er konnte alle vier Grundrechenarten in weniger als 20 ms ausfĂŒhren) galt der SSEC als Superrechner.

Wallace Eckert fĂŒhrte mit ihm Mondberechnungen durch, die spĂ€ter als Grundlage fĂŒr das Apollo-Projekt dienten [3]. Man war ĂŒberzeugt, dass etwa ein Dutzend SSECs den Rechenbedarf der ganzen Welt auf absehbare Zeit decken wĂŒrden [7]. Schon vier Jahre spĂ€ter allerdings musste das »Superhirn« seinem Nachfolger, dem Modell 701, weichen.

Der 701 »Defense Calculator« (1952)

Modell 701Das Modell 701 markiert IBMs endgĂŒltigen Eintritt in das Computerzeitalter. Zwei Faktoren waren dafĂŒr verantwortlich: Zum einen hatte der Erzrivale Remington-Rand den UNIVAC angekĂŒndigt, der als erster Computer der Welt in Serie gefertigt werden sollte (der erste Anwender des UNIVAC war ĂŒbrigens das amerikanische CensusbĂŒro). Zum anderen brach 1950 der Korea-Krieg aus, und Thomas Watson bot PrĂ€sident Truman alle verfĂŒgbaren KapazitĂ€ten IBMs an, um die Vereinigten Staaten in diesem Krieg zu unterstĂŒtzen. So entwickelte IBM unter anderem ein ZielgerĂ€t fĂŒr den B-52 Bomber ([3], [7]). Die nationale RĂŒstungsindustrie benötigte zu jener Zeit dringend Rechenleistung fĂŒr den Bau von Flugzeugen und Raketen, und IBM entschloss sich, einen universell verwendbaren Superrechner, den »Defense Calculator«, in Angriff zu nehmen. Erst wenige Tage vor seiner Vorstellung 1952 wurde er in »701« umbenannt, was eine neue Produktlinie neben der erfolgreichen 600er-Reihe der BĂŒromaschinen begrĂŒndete.

Modell 701Die Entwicklung war ein Kraftakt der Firma: Sie wurde von einer geschlossenen Arbeitsgruppe durchgefĂŒhrt, die nach einem Jahr bereits einen Prototypen prĂ€sentieren konnte. Mittlerweile waren in dem Unternehmen Stimmen laut geworden, dass die Entwicklung von Computern den Absatz von Tabelliermaschinen behindern könnte; außerdem sei ungewiss, ob es fĂŒr solche Maschinen ĂŒberhaupt einen Markt gĂ€be. Hier zeigen sich interessante Parallelen zur Entwicklung des IBM-PC im Jahre 1980/81, dem ein Großteil der Firma zunĂ€chst aus Ă€hnlichen GrĂŒnden sehr skeptisch gegenĂŒberstand [4].

Modell 709Richtungweisend war die konsequent binÀre Architektur des 701. Dadurch wurde die Hardware einfacher, zuverlÀssiger und leicht erweiterbar (1954 folgte der 704, das erste Modell mit Kernspeicher, spÀter der 709, der erste kommerzielle Computer mit Interrupt-Möglichkeit [15]).

Auf Relais verzichtete man ganz, statt dessen bot der 701 neben 2048 Worten Röhrenspeicher noch 8 KByte Worte Magnettrommelspeicher (was bei einer WortlĂ€nge von 36 Bit einer SpeicherkapazitĂ€t von etwa 50 KByte entspricht). Der »Defense Calculator« arbeitete mit einer Zykluszeit von 12 Mikrosekunden, entsprechend einer Taktfrequenz von 0,083 MHz. Von seiner Entwicklung gingen viele, fĂŒr die weitere Entwicklung von IBM entscheidende Impulse aus: IBM entwickelte eigene Röhren (das erste elektronische Bauteil, das IBM in Serie herstellte), fĂŒhrte das Hardware-Modulkonzept ein, brachte das Magnetband zur Serienreife und erkannte, dass das binĂ€re Prinzip ungeheure Vorteile brachte.

Der 701 war in der Tat universell einzusetzen: Er wurde von immerhin 19 Kunden verwendet, die ihn fĂŒr mindestens ebenso viele verschiedene Aufgaben einsetzen konnten. Kommerziell war der Rechner allerdings kein Erfolg, da die Entwicklungskosten die Einnahmen durch die wenigen Kunden bei weitem ĂŒberstiegen. FĂŒr die kommerzielle Datenverarbeitung spielte er jedoch aufgrund der durch seine Entwicklung eingefĂŒhrten Technologien eine wichtige Vorreiterrolle. Thomas J. Watson kam zu dem Schluß: »We can’t afford it and we’ve got to get the profits up.« [7].
Cartoon

Kommerziell war das Modell 701 kein Erfolg (aus [6])

IBM 650, das »Modell T« (1953)

Modell 650Das folgende Modell, der »650«, war entscheidend fĂŒr das weitere Schicksal IBMs. Die neuartigen »Elektronischen Datenverarbeitungsmaschinen« sollten nicht nur Prestige bringen, sondern auch Gewinn abwerfen; Watson setzte das Ziel, Computer kommerziell nutzbar zu machen. FĂŒr das neue Modell war daher – neben ZuverlĂ€ssigkeit und leichter Programmierbarkeit – ein möglichst niedriger Preis oberstes Entwicklungsziel.

Der 650 wurde von demselben Team wie der SSEC entwickelt und arbeitete dezimal. Um Kosten zu sparen, verwendete man anstatt des teuren Röhrenspeichers einen Magnettrommelspeicher. Dieser bestand aus einer 35 cm langen, außen mit einer Kobalt-Nickel beschichteten Trommel von 10 cm Durchmesser, die von 100 bzw. beim grĂ¶ĂŸeren Modell von 200 Schreib-Leseköpfen abgetastet wurde und mit der unglaublichen Geschwindigkeit von ĂŒber 200 Umdrehungen pro Sekunde rotierte. Je fĂŒnf Köpfe bildeten ein »Band« und lieferten eine Dezimalziffer, die mit fĂŒnf Bit in einer binĂ€ren Kodierung gespeichert war. Auf einem Band fanden um die Trommel herum 50 Worte zu 10 Ziffern (+ Vorzeichen) Platz, so dass 1000 bzw. 2000 Worte Arbeitsspeicher zur VerfĂŒgung standen. So erhielt man einen relativ billigen, großen, zuverlĂ€ssigen und schnellen Speicher. Die mittlere Zugriffszeit konnte durch das sogenannte Zwei-Adress-Format von 2,4 ms auf 0,8 ms gedrĂŒckt werden: Jede Instruktion enthielt einen Verweis auf den nĂ€chsten auszufĂŒhrenden Befehl, so dass bereits wĂ€hrend der AusfĂŒhrung eines Befehls der nĂ€chste geladen werden konnte. Des weiteren wurde das »SOAP«-Programm entwickelt, das die Anordnung der Daten auf der Trommel optimierte. Intern arbeitete der 650 mit einer fehlererkennenden binĂ€ren Kodierung, was ihn sehr zuverlĂ€ssig machte.

Zwar war er durch die seriell arbeitende Arithmetik nicht besonders schnell; sein einfacher, aber eleganter Befehlsvorrat und seine relativ leichte Bedienbarkeit ĂŒber eine Steuerkonsole machten ihn demnach fĂŒr UniversitĂ€ten und Firmen attraktiv. Mit einem Mietpreis von $3750 pro Monat kostete er nur ein Zehntel des 701-Nachfolgemodells 709; mit 2000 verkauften Maschinen (wie schon beim 701 gab es bei IBM intern Widerstand gegen das Projekt: die Marketingabteilung hatte einen Absatz von 0 StĂŒck prophezeit. [7]) wurde der 650 zum »Modell T der Computerindustrie« [7]. FĂŒr viele Wissenschaftler war dieses Modell der erste Kontakt mit einem Computer [10]; Donald E. Knuth widmete seine »Art of Computer Programming« dem 650 »in remembering of many pleasant evenings«.

Mit dem Modell 650 legte IBM die Grundlage fĂŒr die Vorherrschaft auf dem Computermarkt wĂ€hrend der nĂ€chsten Jahrzehnte. Mit diesem Produkt hatte man es geschafft, einen ganzen Industriezweig zu legitimieren: Die kommerzielle Vermarktung von Computern war möglich geworden. Der Absatz zeigte, dass tatsĂ€chlich Bedarf fĂŒr solche GerĂ€te bestand und ein Markt dafĂŒr existierte, auch wenn man nur wenige Jahre zuvor geglaubt hatte, dass die Rechenleistung weniger SSECs fĂŒr die gesamte Welt ausreichen wĂŒrde.

Epilog

Die Geschichte der kommerziellen Datenverarbeitung ist nicht im erster Linie die Geschichte der technischen Entwicklung. Sicherlich waren technologische Innovationen wichtig und hatten ihre Auswirkungen in der kommerziellen Anwendung.

System 360 Modell 22Treibende Kraft waren jedoch zumeist die BedĂŒrfnisse der Anwender, die mit ihren WĂŒnschen die Entwicklung entscheidend mitprĂ€gten und letztendlich ĂŒber Erfolg und Misserfolg eines Produktes entschieden. So waren es nicht immer die Maschinen mit der neuesten Technologie, die sich durchsetzen konnten; das Modell 650 beispielsweise war sicher nicht der beste Computer seiner Zeit. Aber ebenso wie zuvor die Hollerith’schen Tabelliermaschinen, IBMs Buchungsmaschinen und Rechenstanzer, und wie spĂ€ter das System /360 und der IBM-PC war er das GerĂ€t, die zu seiner Zeit am ehesten den BedĂŒrfnissen des Marktes gerecht wurde.

Ein wichtiger Faktor fĂŒr den Erfolg von IBM war es, ĂŒber Jahrzehnte hinweg das richtige Modell zum richtigen Zeitpunkt auf dem Markt zu haben.

Danksagungen & Links

Literaturangaben

[1]
IBM 701 Sonderheft, Annals of the History of Computing, Vol.5 No.2, 107-219
[2]
Austrian, G.D.: Herman Hollerith: Forgotten Giant of Information Processing, Columbia Press, New York 1982
[3]
Bashe, Charles J. et al.: IBM’s Early Computers, MIT-Press, Cambridge MA 1986
[4]
Chopsky, J. und Leonsis, T.: Blue Magic – The People, Power and Politics Behind the IBM Personal Computer, Facts-On-File Publications, New York 1988 (ISBN 0-8160-1391-8)
[5]
Goldstine, Herman H.: The Computer from Pascal to Neumann, Princeton University Press, Princeton 1972
[6]
Gonick, Larry: Der Computer Comic, Rowohlt Taschenbuch, Reinbeck 1984
[7]
Hurd, Cuthbert C.: Early IBM Computers: Edited Testimony, Annals of the History of Computing, Vol.3 No.2, 163-182
[8]
Die Geschichte der maschinellen Datenverarbeitung, Band1, IBM Form D12-0028, IBM Deutschland 1991
[9]
IBM Journal of Research and Development, 25th Anniversary Issue, Vol.24 No.5, S.363ff
[10]
Knuth, Donald E.: The IBM 650: An Appreciation from the Field, Annals of the History of Computing, Vol.8 No.1 1986, 50-55
[11]
Metropolis, N. und Howlett, Rota (Eds.): A History of Computing in the 20th century, Academic Press 1980
[12]
Pugh, Emerson W.: Memories That Shaped An Industry – Decisions Leading to IBM System /360, MIT-Press 1984 (ISBN 0-262-16094-3)
[13]
Randell, Brian (Ed.): The Origins of Digital Computers – Selected Papers, Springer-Verlag Berlin, Heidelberg, New York 1973 (ISBN 3-540-06169-X bzw. 0-387-06169-X)
[14]
Rodgers, F.G.: The IBM Way, Harper&Row, New York 1986
[15]
Smith, Richard E.: A Historical Overview of Computer Architecture, Annals of the History of Computing, Vol.10 No.4, 277-301
[16]
Sobel, Robert: IBM und die globale Herausforderung, Orell FĂŒssli Verlag, ZĂŒrich 1986 (ISBN 3-280-01658-4)

Weitere Literatur zum Thema

Bashe, Charles J.: The SSEC in Historical Perspective, Annals of the History of Computing, Vol.4 No.4, 296-312
Ceruzzi, P.E.: Reckoners: The Prehistory of Digital Computers – From Relays to the Stored Program Concept (1938-1945), Greenwood Press, Westport, Conn 1983
Maisonrouge, Jacques: Inside IBM, Fontane Paperbacks, 1989 (ISBN 0-00-637396-8)
Rodgers, William: Think: A Biography of the Watsons & IBM, Weidenfeld and Nicolson, London 1970 (ISBN 0-297-00023-3)
Wilkes, M.V. et al.: The Preparation of Programs for an Electronic Digital Computer, Thomas Publishers, Los Angeles, 1983 (Reprint)
Williams, M.R.: A History of Computer Technology, Prentice Hall, Englewood Cliffs, NJ 1985
SPREAD Report: The Origin of the System /360 Project, Annals of the History of Computing, Vol.5 No.1, 4-44

Textbeitrag: (c) 1998 Stefan Winterstein

Vielen Dank an Stefan Winterstein fĂŒr die freundliche Genehmigung diesen Beitrag hier zu veröffentlichen. Verbreitung dieses Textes außerhalb des 8Bit-Museums.de nur mit ausdrĂŒcklicher Genehmigung des Autors.

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